Meet Tim Sebastian…

Das Standardvorgehen hoher AfD-Funktionäre in öffentlichen Debatten war bisher stets, zuerst widerwärtige, fremdenfeindliche und/oder diskriminierende Dinge selbst öffentlich in die Welt hinauszuposaunen (oder von anderen posaunen zu lassen), um dann sofort zu behaupten, sollte tatsächlich mal kritisch nachgefragt werden, das habe man nie so gesagt und das sei ja überhaupt und sowieso mal wieder eine Falschdarstellung der bösen, bösen „Lügenpresse“. Ausgenommen von dieser Dynamik waren allerdings schon immer Hardliner wie Höcke; aus deren Fraktion wird gerne auch mal bei der Thüringer Landesregierung nachgefragt, wieviele Homosexuelle eigentlich im Land lebten. Eine spezielle Variante dieser Methode war die Reaktion der AfD auf Nachfragen bezüglich tatsächlicher Inhalte der Wahlprogramme der Partei in den Bundesländern Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt, in denen am 13.3.16 gewählt wurde. Als es schon zu spät war und die AfD ihre beschämenden Wahlerfolge eingefahren hatte, fiel es SPD-Politikern und JournalistInnen plötzlich ein, AfDler mal tatsächlich mit dem zu konfrontieren, was da so drin stand: Meet Tim Sebastian… weiterlesen

Wir verlieren immer…

Am Dienstagmorgen sind in Brüssel drei Bombenanschläge verübt worden. Am Flughafen Zaventem hatten sich gegen acht Uhr morgens in der Abflughalle zwei Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt, ungefähr eine Stunde später kam es in der Metrostation Maalbeek in der Nähe des EU-Viertels zu einer weiteren Explosion. Weit über hundert Menschen wurden bei diesen Anschlägen verletzt, teils schwer, mehr als dreißig verloren nach bisherigen Angaben ihr Leben. Zu solchen Zahlen fehlen einem eigentlich alle Worte, an einem solchen Tag bleibt letztendlich nur Traurigkeit… Wir verlieren immer… weiterlesen

Die Renaissance der Leitkultur – das ‘Wir’ als Kampfbegriff

Gerade im Vorfeld der letzten drei Landtagswahlen ist der Begriff der Kultur und des „Deutschen“ noch einmal verstärkt durch unsere Debatten gegeistert – durch unsere Gauen, möchte man fast sagen, um im entsprechenden Fachjargon zu bleiben. Die Forderung nach einer aktiven – und aggressiven – Propagierung der deutschen Nationalidentität und Kultur war bei der AfD in Sachsen-Anhalt im Wahlkampf besonders stark. Hier hatte André Poggenburg, Rassentheoretiker Björn Höckes enger Vertrauter, der neben seiner rechtsextremen Rhetorik vor allem durch seine dubiosen Geldgeschäfte auffällig geworden war, mit Nachdruck darauf gedrängt, dass auf staatlich subventionierten Bühnen mehr deutsche Stücke gespielt werden, und grundsätzlich Kultureinrichtungen vorrangig wieder den deutschen Heimatbezug stärken sollten. Konfrontiert mit der Frage, was denn aber nun unter dieser nationalen Identität und dieser nationalen Kultur zu verstehen sei, hatte der Mann, der auch mal gerne vom „Völkisch-Nationalen“ oder der „Volksgemeinschaft“ spricht, nichts anderes zu erwidern als: „Ich bin kein Kulturhistoriker und möchte deshalb auch nichts dazu sagen.“ [ab Min. 2:33] Die bodenlose Ironie dieser Bemerkung mag auch deshalb an Poggenburg vorbeigegangen sein, weil er vermutlich noch niemals in seinem Leben ein Buch in die Hand genommen hat, geschweige denn eines, aus dem er hätte lernen können, dass sich die Kulturgeschichte mit kaum etwas mehr beschäftigt, als der Dekonstruktion sogenannter nationaler kultureller Identitäten, beziehungsweise der Behauptung solcher. Und wenn Sie jetzt fragen, mit welcher Autorität ich das behaupte: Im Gegensatz zu Herrn Poggenburg bin ich Kulturhistoriker… Die Renaissance der Leitkultur – das ‘Wir’ als Kampfbegriff weiterlesen

Das Auftreten eines englischen Edelmanns – AfD-Wahlkampf mit Rundfunkgebühren (Kommentar zur Sendung „Maischberger“ vom 9.3.2016)

Bei Sandra Maischberger ging es am Mittwoch darum, die Ergebnisse der für Sonntag anstehenden Landtagswahlen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt zu prognostizieren und zu interpretieren – angesichts der sehr deutlichen Umfragewerte ein durchaus angemessenes Thema, auch wenn sich z. B. die Frankfurter Allgemeine über diesen Ansatz der Vorabdeutung von Wahlergebnissen ein wenig amüsiert [http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/tv-kritik/tv-kritik-maischberger-da-brat-mir-einer-eine-partei-14116083.html]. Das Problem solcher Sendungen ist vielmehr zumeist, wie vom Rezensenten Michael Hanfeld sehr zurecht bemängelt, dass sie grundsätzlich sehr schnell in reine Wahlkampf-Rhetorik abdriften. Eingeladen war eine zu erwartende Runde hoher Funktionäre der gesetzten Parteien… sowie Wolfgang Kubicki von der marginalisierten FDP und Alexander Gauland von der aufstrebenden AfD. Das Auftreten eines englischen Edelmanns – AfD-Wahlkampf mit Rundfunkgebühren (Kommentar zur Sendung „Maischberger“ vom 9.3.2016) weiterlesen

Unsere humanitäre Verantwortung – ein Lied von der Heuchelei (Kommentar zur Sendung „Anne Will“ vom 6.3.2016)

Seit Anne Will mit diesem Jahr die Nachfolge von Günther Jauch auf dem ARD-Sonntagsslot um 21.45 Uhr angetreten hat, hat sie die Latte, was die Qualität der Debatten in ihrer Sendung angeht, wahrlich nicht sehr hochgelegt. Dabei hätte man erfahrungsgemäß anderes von ihr erwartet. Dass Jauch seinen Platz als unbedarfter und der Situation konsequent nicht gewachsener Polittalker nach vier Jahren Gott sei Dank endlich geräumt hatte, das mochte man zunächst als gutes Zeichen für die Zukunft der ARD am Sonntagabend deuten – auch wenn das Til Schweigers Tatort-Eskapaden noch lange nicht wieder gut macht. Die Ankündigung, dass Will in der Folge auf ihren alten Sendeplatz zurückkehren würde, unterstrich diesen Eindruck noch; hatte Jauch zuvor tapfer die Stellung als Verweigerer von Gästen aus der Opposition gehalten – symptomatisch trat er mit einem Einzelinterview mit Wolfgang Schäuble ab, bei dem man kritische Nachfragen lange und vergeblich suchte –, so war man von Will gewöhnlich eine ausgewogenere Art gewohnt. Mag es nun daran liegen, dass mit dem Wegfall der Kontrastfolie Jauch einem als Zuschauer schlichtweg die verzerrende Brille von der Nase gezogen wurde, oder dass sich das Gesprächsverhalten von Will am Sonntag tatsächlich geändert hat, die letzten Sendungen in diesem Jahr haben alle Hoffnungen darauf, dass die ARD aus der Causa Jauch gelernt haben könnte, mit einem Vorschlaghammer zertrümmert. Zugegeben, inkompetent ist das nicht mehr, dafür tendenziös ohne Ende. Unsere humanitäre Verantwortung – ein Lied von der Heuchelei (Kommentar zur Sendung „Anne Will“ vom 6.3.2016) weiterlesen

Schlimmer geht immer – wie Frank Plasberg das Niveau konsequent unterbietet (Kommentar zur Sendung „hart aber fair“ vom 29.2.2016)

Herr Plasberg, stellen Sie sich mal folgendes Szenario vor: Sie sind vor kurzem über 6.000 Kilometer mit dem Bus, mit Schleppern oder auch zu Fuß durch die Welt gereist sind. Und stellen Sie sich bitte auch vor, dass Sie vielleicht irgendwo noch eine Familie oder den Teil einer Familie haben, die darauf hofft, Ihnen folgen zu können. Und stellen Sie sich außerdem vor, dass in diesem Szenario eine Allianz mehrerer Länder Ihr Herkunftsland, Ihre Heimat, seit über zehn Jahren zuerst durch einen zumindest fragwürdigen Krieg und anschließend mehr oder eher weniger erfolgreiche Militärpräsenz und Entwicklungshilfe systematisch zerstört hat… Und nun sagen Sie bitte einmal, wie lange machen Sie beim Holzstapeln mit, noch dazu als jemand mit einem höheren Abschluss und noch dazu als ein junger Mensch, der sich vom Leben etwas anderes erhofft, als zu Niedriglohn (bzw. als Praktikant ohne Bezahlung) eine monotone Beschäftigung zu erfüllen.

Um ein solches – jedoch reales – Szenario ging es an der vielleicht bezeichnendsten Stelle von Frank Plasbergs „hart aber fair“ vom 29.2.2016. Schlimmer geht immer – wie Frank Plasberg das Niveau konsequent unterbietet (Kommentar zur Sendung „hart aber fair“ vom 29.2.2016) weiterlesen

In eigener Sache

Es ist Anfang des Jahres 2016. Inzwischen hat sich unweigerlich erwiesen, dass unsere Gesellschaft nicht vor einer Herausforderung, sondern vor einer existentiellen Zerreißprobe steht. Im vergangenen Jahr hat zunächst die „Griechenlandkrise“ und in der Folge die sogenannte „Flüchtlingskrise“ die Fassade der angeblich toleranten und europäisch ausgerichteten deutschen Gesellschaft innerhalb weniger Monate eingerissen. Eine massiv nach rechts gerückte Diskussionskultur und erschreckend offen geäußerte Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Gewaltbereitschaft gegen Flüchtlinge und Asylbewerber sind an ihre Stelle getreten. Dass Fakten und Tatsachen bei all dem nicht nur keine Rolle spielen, sondern äußerst unerwünscht sind, dafür stehen die Pegida-Bewegung und die AfD als rechtspopulistische bis rechtsradikale Partei paradigmatisch. Aggressiv wird hier über die angebliche „Lügenpresse“ geschrien, während Demonstranten hysterisch über fiktive Massenvergewaltigungen und andere angebliche Gewalttaten in Flüchtlingsheimen und Erstaufnahmestellen geifern [der Bewältigung dieser bedenklichen Gerüchtekultur widmet sich z. B. das Online-Projekt HOAXmap, vgl. http://hoaxmap.org/index.html]  – keine Frage, Flüchtlinge, oder sagen wir doch lieber gleich Ausländern oder genauer Araber sind halt auch einfach krimineller als Deutsche, und zwar weil halt… In eigener Sache weiterlesen