Schlimmer geht immer – wie Frank Plasberg das Niveau konsequent unterbietet (Kommentar zur Sendung „hart aber fair“ vom 29.2.2016)

Herr Plasberg, stellen Sie sich mal folgendes Szenario vor: Sie sind vor kurzem über 6.000 Kilometer mit dem Bus, mit Schleppern oder auch zu Fuß durch die Welt gereist sind. Und stellen Sie sich bitte auch vor, dass Sie vielleicht irgendwo noch eine Familie oder den Teil einer Familie haben, die darauf hofft, Ihnen folgen zu können. Und stellen Sie sich außerdem vor, dass in diesem Szenario eine Allianz mehrerer Länder Ihr Herkunftsland, Ihre Heimat, seit über zehn Jahren zuerst durch einen zumindest fragwürdigen Krieg und anschließend mehr oder eher weniger erfolgreiche Militärpräsenz und Entwicklungshilfe systematisch zerstört hat… Und nun sagen Sie bitte einmal, wie lange machen Sie beim Holzstapeln mit, noch dazu als jemand mit einem höheren Abschluss und noch dazu als ein junger Mensch, der sich vom Leben etwas anderes erhofft, als zu Niedriglohn (bzw. als Praktikant ohne Bezahlung) eine monotone Beschäftigung zu erfüllen.

Um ein solches – jedoch reales – Szenario ging es an der vielleicht bezeichnendsten Stelle von Frank Plasbergs „hart aber fair“ vom 29.2.2016. Das schon in der Formulierung mal wieder wunderbar tendenziöse Thema der Sendung lautete „Jung, männlich, ungebildet? Der Integrations-Check bei hart aber fair“ – schon zu diesem Zeitpunkt möchte man mehr kotzen als man kann. Das Thema der Sendung war damit schon mal klar mit der impliziten Leitfrage „Wie dumm und faul sind Flüchtlinge eigentlich?“ umrissen; Plasbergs konsequente Bemerkungen vor jedem Einspieler, dass die ersten Eindrücke vom Integrationsprozess ernüchternd oder erschütternd seien, untermauerten diesen Eindruck immer wieder – selbst wenn ganz vereinzelt anwesende Gäste nur leicht abweichende Meinungen äußerten. Nach knapp zwanzig Minuten führt der ‘smarte’ Moderator mit seiner besten Miene des besorgten Bürgers in einem Beitrag das Beispiel eines jungen afghanischen Flüchtlings in Templin an. Der Kontext, in den dieser Fall eingebettet ist, ist der eines von der kleinen brandenburgischen Stadt angestoßenen Projekts, in dem Asylbewerber in ansässigen Unternehmen die Möglichkeit bekommen sollen, ein Praktikum zu absolvieren, „auch mit Aussicht auf eine Zukunft im Betrieb“. (Übrigens nur am Rande: Die Tatsache, dass zwischen Flüchtlingen und Asylbewerbern ein offensichtlicher und relativ großer rechtlicher Unterschied besteht, wird natürlich bei Plasberg nicht reflektiert, sondern die Begriffe werden praktisch synonym verwendet. Das ist echter Journalismus!). Im Rahmen dieses Projektes hatte sich nun dieser junge Afghane – der in der Sendung mit vollem Namen genannt wird; warum nicht auch noch eine kleine Charakterermordung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen hinterher? – auf einen Praktikumsplatz in einem örtlichen Holzverarbeitungsunternehmen freiwillig beworben. Seine Aufgabe: Holz von einer Seite der Lagerhalle auf die andere tragen und dort wieder stapeln – „eine ziemlich monotone Aushilfsarbeit“, um in den eigenen Worten des Berichts zu bleiben. Das Ergebnis dieses Experiments war schließlich, dass der junge Afghane das Praktikum nach einem Tag bereits wieder abbrach. Für eine Sendung wie „hart aber fair“ selbstverständlich zutiefst empörend, dem muss auf den Grund gegangen werden. In einem Interview wurde der junge Mann entsprechend zur Rede gestellt und berichtete davon, dass ihn die Arbeit sehr angestrengt habe, und er übrigens auch abends keine Kraft mehr für das Fußballtraining gehabt habe – zugegebenermaßen in diesem Kontext vielleicht nicht die beste Anmerkung, aber im Übrigen auch eine, die offensichtlich der Verlegenheit des Afghanen entsprang, berücksichtigt man einmal seine sehr deutliche Körpersprache. In Afghanistan habe er ein halbes Jahr als Bankangestellter gearbeitet, und er wolle nun doch erst einmal richtig Deutsch lernen, um anschließend ein in eine ähnliche Richtung gehendes Studium zu absolvieren und dann als Buchhalter oder ähnliches arbeiten zu können. Damit endet der kurze Einspieler, es wird direkt übergeleitet in ein Einzelinterview mit dem Bürgermeister von Templin, Detlef Tabbert (die Linke), der ‘sympathische’ Moderator beginnt seine erste Frage mit dem Satz: „Nach der Arbeit zu müde für das Fußballtraining. Lassen Sie das gelten?“ Für den Rest der Sendung steht der junge Mann nun als faul und Arbeitsverweigerer da.

Am anderen Ende des Spektrums zeigt man dann knapp eine halbe Stunde später einen jungen Ghanaer, der ebenfalls im letzten Herbst nach Deutschland gekommen ist. In den Augen des Panels und des Moderators ist er das genaue Gegenteil des Afghanen, fleißig, eifrig, bemüht und tüchtig – sagen wir einfach gut integriert, weil so richtig deutsch. Seine übermäßige Servilität irritiert zwar auch den überlegenen deutschen ‘Intellektuellen’ à la Plasberg, aber gut, manche Menschen sind eben so; reden wir nicht darüber, dass das Verhalten des jungen Ghanaers damit möglicherweise sehr viel darüber aussagt, welche Erwartungen und Forderungen unsere Gesellschaft äußerst aggressiv an zu uns geflüchtete Menschen in Not heranträgt, und zwar alleine für den Bruchteil einer Chance, hier bleiben zu dürfen. Denn darin liegt natürlich auch in diesem Fall der „Haken“, um Plasberg zu zitieren: Ghana gilt als sicheres Herkunftsland, deshalb muss der Mann auch leider zurück, denn er ist natürlich Wirtschaftsflüchtling – Aha! Aber reden wir auch nicht darüber, was dieses Beispiel über unsere Gesellschaft aussagt… Im Gegenteil, auch hier zeigt sich einmal wieder Plasbergs Fähigkeit, die Schuld immer bei denen zu suchen, die in unserer Gesellschaft am ungerechtesten behandelt werden.

Der Fairness halber muss man sagen, dass Plasbergs Panel auch nichts Besseres zu bieten hatte, selbst die nicht, von denen man es erwartet hätte. Uwe Hück, der stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende der Porsche AG, war vor allem als wandelndes Klischee nicht einmal deutscher, sondern schwäbischer Arbeitsmoral unterwegs. War er zwar einerseits einer der wenigen in der Runde, der zumindest nicht für einen absoluten Generalverdacht für Flüchtlinge argumentierte, so glänzte er durch Aussagen wie die, dass man in Deutschland zum Taxifahren keinen Master brauche – Toilettenputzen hat er sich als Beispiel einer angemessenen Beschäftigung für Flüchtlinge und Asylbewerber vermutlich gerade noch verkneifen können –, plädierte für mehr geistige Einfachheit in unserer Gesellschaft – noch mehr? –, und formulierte mit der Bemerkung, dass harte Arbeit allein an den Schweißflecken auf dem T-Shirt erkennbar sei, das urschwäbische Motto von „Schaffe, schaffe, Häusle baue“ neu. Cem Özdemir, der Bundesvorsitzende der Grünen, aus der Sicht des Zuschauers links neben Hück, war hauptsächlich anwesend, um mit dessen schwäbischer Heimatseele zutiefst zu sympathisieren. Ansonsten protestierte er zwar an einer Stelle sanft mit der Bemerkung, dass nach der aktuellen Rechtslage Flüchtlinge gar keinen Rechtsanspruch auf Sprachkurse hätten, nur um aber sofort im Umkehrschluss mit der bayrischen Innenministerin Emilia Müller und einer äußerst nuancierten Facebook-Meinung eines Zuschauers übereinzustimmen, dass nach der Revision dieser Rechtslage härteste Sanktionen bezüglich der ja wirklich üppigen finanziellen Zuwendungen für Flüchtlinge bereits beim Versäumen einer einzigen Sitzung des Sprachkurses absolut angemessen seien. Bravo, Herr Özdemir, soviel zu menschlicher Flüchtlingspolitik. (Bemerkung: Übrigens, das Profilbild des Facebook-Zuschauers: er im Bayerntrikot vor einem Glas Hefeweizen. Das Weizen ist ja okay, aber der Rest sagt schon alles…) Kommen wir damit zu Emilia Müller… CSU, kein weiterer Kommentar. Besonders toll fand vor allem Plasberg die „Ehrlichkeit“, mit der sie auch mal in Flüchtlingsheime geht und einem recht frisch angekommenen, mittelaltrigen Flüchtling aus dem Kosovo nach einem Satz ins Gesicht sagt, dass er wieder abgeschoben wird. Geil! Prof. Dr. Ludger Wößmann, Lehrstuhlinhaber für Bildungsökonomie an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Leiter des ifo Zentrums für Bildungsökonomik, war vor allem da, um den Bereich „Wie dumm sind eigentlich Flüchtlinge?“ abzudecken; scheinbar sind Volkswirtschaftler dazu prädestiniert, über Dummheit zu reden. Die Antwort war natürlich: sehr! Belege dafür: keine. Zitat Plasberg: „nehmen wir Syrer, die ja noch am besten qualifiziert sein sollen von den Flüchtlingen!“ Spekulation ist halt immer eine gute Alternative für empirische Belege und statistische Erhebungen. Übrigens nur mal so nebenbei zum Thema Sprachkompetenz: Herr Plasberg, Herr Wößmann, sprechen Sie eigentlich Arabisch oder Persisch? Die Letzte in der Runde, Petra Bosse-Huber, Auslandsbischöfin der Evangelischen Kirche, war, eingeladen vermutlich als moralische, aber auch leicht zu ignorierende Stimme, kaum an der Diskussion beteiligt, und wenn, dann entweder um zu bemerken, welchen guten Ruf Deutschland in der Welt habe, oder um für Verständnis für den Kulturschock zu werben, den hier ankommende Flüchtlinge erführen, die Dinge wie die Gleichstellung von Mann und Frau in ihren eigenen Kulturen nun mal nicht kennten. Also auch hier keinerlei Hinterfragung des Generalverdachts. Und im Übrigen zum Thema Gleichstellung von Mann und Frau in unserem Land: Im Schnitt 21,6 Prozent Lohnunterschied, drittletzter Platz in Europa, knapp vor Estland und Österreich… [http://www.fr-online.de/wirtschaft/frauen-verdienen-deutlich-schlechter-als-maenner,27392182,33901300.html]

Wenn es in dieser Sendung ein bezeichnendes Element gab, dann war es die Unfähigkeit aller Beteiligten, Perspektiven jenseits ihrer eigenen Blase einzunehmen. Zwei tendenzielle Gemeinsamkeiten führten Moderator und Panel zusammen: Zum einen befinden sich alle Diskutanten in einer vergleichbaren Altersgruppe (zwischen ca. 45 und ca. 65), die zumindest weit von den Perspektiven junger Menschen – nicht nur junger Flüchtlinge – entfernt ist, und zum anderen bewegen sie sich ebenfalls alle in einem Bereich nicht nur finanzieller Sicherheit, sondern finanziellen Wohlstands, gewährleistet durch sehr ordentlich bis sehr gut (teilweise sicherlich sogar zu gut) bezahlte Jobs. Entsprechend fiel es allen offensichtlich sehr schwer, die Perspektive eines jungen, zu uns geflüchteten Afghanen einzunehmen, der gerade alles verloren hat – seine Heimat, seinen Besitz – und der sich vielleicht trotzdem noch mehr vom Leben erhofft, als Bretter zu stapeln. Die Härte der Erkenntnis, die diesen Menschen dann vermutlich während seines Praktikums getroffen hat, dass in unserer Gesellschaft aber möglicherweise genau das die Grenze seiner Möglichkeiten sein wird, war für keinen der Anwesenden nachvollziehbar. Da ist es doch leichter, sich darüber zu empören, dass er abends gerne auch noch Fußball spielen will.

Eine grundsätzliche Erwartung von ‘Menschen’ wie Frank Plasberg wird daran sehr gut deutlich: Um bei uns als ernstzunehmender Flüchtling wahrgenommen zu werden, muss man einer sehr bestimmten Vorstellung entsprechen. Erstens muss man ein Ausmaß an Armut ausstrahlen, das sich nur knapp über der Obdachlosigkeit bewegt (abgesehen davon, dass Flüchtlinge per definitionem eigentlich obdachlos sind); Smartphones, Handys, das geht gar nicht. Und zweitens hat man keinerlei Anrecht mehr auf auch nur ein absolutes Mindestmaß an Freude im Leben. Fußballspielen ist tabu, anstatt dessen muss man „richtig schwitze“ und die Arbeitsbereitschaft eines sklavischen Zwangsarbeiters ausstrahlen. Nur dann hat man in den Augen der Plasbergs überhaupt ein Anrecht darauf, tatsächlich als Mensch in Not in Betracht gezogen zu werden… und selbst das führt im Endeffekt vermutlich nur dazu, dass man vielleicht subsidiären Schutz für eine gewisse Zeit zugesprochen bekommt.

Dass all das eigentlich ein Problem der Perspektive Plasberg ist und nicht der Menschen, die sich zu uns flüchten, darüber wird in unseren öffentlichen Debatten schon lange nicht mehr gesprochen. Ein anderes Beispiel: Am Ende der Sendung werden wie jedes Mal von Plasbergs williger Handlangerin Brigitte Büscher die Facebook-Nachrichten besorgter Eltern vorgetragen, des Inhalts, dass inzwischen in staatlichen Schulen echte deutsche Kinder von bösen Ausländerjungs geprügelt würden und die Migrantenkinder den PISA-Schnitt drücken könnten (Newsflash: das schaffen deutsche Kinder auch allein…), und deshalb deutsche Kinder für eine angemessene Bildung in Privatschulen gegeben werden müssten. Auch solche Meinungen und unbelegten Äußerungen werden inzwischen in der ARD ernsthaft diskutiert und zwar ohne den Zusatz, geschweige denn das Caveat, dass Vorurteile und fremdenfeindliche Ängste das Problem derjenigen sind, die sie haben, und nicht derjenigen, denen man sie entgegenbringt.

Die Ironie des Namens dieser Sendung wird inzwischen jede Woche immer drückender; mit Fairness hat das bei aller Liebe schon lange nichts mehr zu tun. Deswegen ein Vorschlag zur Güte an Plasberg und die Redaktion: Streichen Sie einfach das „fair“ und nennen Sie ihre Sendung „hart!“.

[Wer sich die Sendung in voller Länge antun möchte, der kann das noch immer in der ARD-Mediathek oder im Sendungsarchiv der Homepage von „hart aber fair“ tun. Christoph Twickel hat für Spiegel Online eine sehr lesenswerte Kritik der Sendung verfasst: http://www.spiegel.de/kultur/tv/hart-aber-fair-zu-fluechtlingen-wie-klappt-integration-a-1079965.html]

(Von Benjamin Marquart)

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