Wir verlieren immer…

Am Dienstagmorgen sind in Brüssel drei Bombenanschläge verübt worden. Am Flughafen Zaventem hatten sich gegen acht Uhr morgens in der Abflughalle zwei Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt, ungefähr eine Stunde später kam es in der Metrostation Maalbeek in der Nähe des EU-Viertels zu einer weiteren Explosion. Weit über hundert Menschen wurden bei diesen Anschlägen verletzt, teils schwer, mehr als dreißig verloren nach bisherigen Angaben ihr Leben. Zu solchen Zahlen fehlen einem eigentlich alle Worte, an einem solchen Tag bleibt letztendlich nur Traurigkeit…

Wenn es aber tatsächlich nur so wäre: Als ich gestern mitbekam, dass diese Anschläge stattgefunden hatten, war es ungefähr zehn Uhr morgens. Zu diesem Zeitpunkt war die altbekannte, öffentlich-rechtliche Sondersendungsmaschine bereits in vollem Gange. In einer undurchbrechbaren Endlosschleife wurden immer und immer wieder die wenigen Informationen wiederholt, die zu diesem Zeitpunkt vorlagen. Ganz schnell ging es dann aber auch schon wieder um die Sorgen und Ängste, die wir hierzulande nach einem solchen Anschlag verspüren müssen. Erleichtert konnte davon berichtet werden, dass unsere Grenze zu Holland praktisch dicht gemacht worden sei und dort massive Kontrollen durchgeführt würden, ein zugeschalteter Korrespondent konnte vom Frankfurter Flughafen ebenso erleichtert berichten, dass schwerbewaffnete Polizisten mit Maschinengewehren bewaffnet Gott sei Dank die Terminals patrouillierten; von Info-Hotlines, die man anrufen könne, wenn man sich Sorgen mache, war viel die Rede. Gerade Letzteres hat natürlich für Betroffene oder Angehörige von Reisenden, die sich zu diesem Zeitpunkt bekanntermaßen in Brüssel aufgehalten haben, einen unschätzbaren Wert und ist insofern auch nicht zu kritisieren, da man diese tatsächlichen Ängste als Außenstehender vermutlich nicht ansatzweise nachvollziehen kann. Darum geht es deshalb auch gar nicht. Worum es geht, ist der Grundtenor der Berichterstattung, der schon zu diesem frühen Zeitpunkt eingetreten war. Unter dem Deckmantel der Betroffenheit wurden bereits kurz nach zehn Uhr in der ARD nur noch Hysterie, Panik und Ängste bedient, und zwar unsere. So wie es bei uns schon seit über einem Jahr um nichts anderes als Ängste mehr geht – Angst davor, dass einem die Griechen das schöne Geld wegwirtschaften, Angst vor den bösen Flüchtlingen, Angst vor dem Islam –, ging es auch in diesem Moment schon wieder primär um die Frage, welche Ängste der besorgte deutsche Bürger nun im Moment wohl angesichts der Anschläge in Brüssel hegen mag. Und diese Ängste müssen dann möglichst sensationalistisch bedient werden. Äußerungen à la Hollande, Valls oder Elmar Brok, dass sich Europa im Krieg befände, müssen umgehend zitiert, „Terrorismusexperten“ eingeladen werden, um über die dramatisch hohe Gefährdung auch in Deutschland Auskunft zu geben, hin und wieder werden Twitter-Botschaften von mutmaßlichen IS-Kämpfern – es könnte sich auch um Trittbrettfahrer handeln – eingesprenkelt. Das Ganze bewegt sich irgendwo zwischen professioneller Panikmache und, wenn man zynisch ist, einem Hauch von sensationalistischer Erwartung eines Anschlags in Deutschland. Im Liveblog kann man auf tagesschau.de übrigens die Ereignisse detailliert und im Sekundentakt mitverfolgen… wie beim Fußball im Liveticker.

Der ARD-Brennpunkt nach der tagesschau am Abend macht die Sache auch nicht unbedingt besser, schließlich ist dieses Format einer der größten Panikmacher im deutschen Fernsehen, und das auch noch mit cineastischen Ambitionen. Aufnahmen der Zerstörung in der Abflughalle von Zaventem oder von aus dem Flughafen fliehenden Menschenmengen werden mit Blockbuster-Musik unterlegt, so dass man fast erwartet, Liam Neeson würde gleich durchs Bild laufen, um mit seinen besonderen Fähigkeiten einen knallharten Mistkerl fertigzumachen. Ein bisschen morbide ist das alles. Ansonsten setzt sich hier die Dynamik von Panikmache und kleinteiligster Berichterstattung von Non-Informationen natürlich fort. An diesem Abend hat die ARD allen Ernstes weder Kosten noch Mühen gescheut, um eine Reporterin und ein Kamerateam an einen deutsch-holländischen Grenzübergang zu verfrachten, um von dort aus zu erklären, wie eine Straßenverengung und eine Grenzkontrolle funktionieren. Das kollektive Spekulieren und Fordern von Verschärfungen von Sicherheitsmaßnahmen und neuen Gesetzesentwürfen ist zu diesem Zeitpunkt schon wieder lange im Gange, Hauptsache man reagiert mit blindem und sinnlosem Aktionismus.

In den tagesthemen erscheint Bundesinnenminister Thomas de Maizière im Spezialinterview, befragt von Caren Miosga, die für fünf Minuten anstatt der Rolle einer kritisch nachfragenden Journalistin die des Sprachrohrs beziehungsweise der Stichwortgeberin für offizielle Regierungsmeinungen spielt. So beginnt de Maizière mit dem Hinweis, dass dieser Tag vor allem ein Tag der Trauer und ein Moment des Innehaltens sei. Wahr, aber erstens gehört Innehalten nun tatsächlich nicht zu seiner Jobbeschreibung, und zweitens hat das ganze mehr den Klang einer routinierten Platitude als den einer ernstlich empfundenen Erschütterung. Aber macht nichts, Hauptsache die emotionale Karte gespielt. Die politische Instrumentalisierung findet dann auch umgehend statt: Der Innenminister fordert eine europäische Vorratsdatenspeicherung in einer vereinigten Datenbank auf die alle Geheimdienste jederzeit Zugriff haben sollen. Erst anhand der „großen Flüchtlingskrise“ habe man endlich realisiert, dass man solche vereinigten Datenbanken brauche, in denen alle Überwachungsdaten zusammenliefen – schön hier die subtile Weise, in der unser Innenminister dann auch endlich die Flüchtlinge ins Spiel bringt, da kann man schließlich auch nochmal die eigene Forderung nach einem umfassenden Ein- und Ausreiseregister für Flüchtlinge pushen, indem man unzusammenhängende Dinge vermischt und kleines bisschen Brandbeschleuniger drüber gießt. Kurz gesagt, de Maizière fordert eine massive Einschränkung des Datenschutzes als Konsequenz der Anschläge, die zu diesem Zeitpunkt nur knapp über zwölf Stunden zurückliegen, und dazu bekennt er sich auch: „Datenschutz ist schön, aber in Krisenzeiten hat Sicherheit Vorrang.“ Als Wolfgang Schäuble während seiner Amtszeit als Innenminister in der ersten von Merkel geführten großen Koalition Ähnliches, und ehrlich gesagt keine größeren Eingriffe in die persönlichen Datenschutzrechte versucht hat, wurde zurecht massiver Protest laut und sein Bild tauchte auf Plakaten und Aufklebern neben dem Slogan „Stasi 2.0“ auf. Heute könnte Caren Miosga de Maizière kaum mehr zustimmen, wenn es darum geht, den Tod von über dreißig Menschen dafür zu instrumentalisieren… Ist halt auch ein Erfolgsrezept, schließlich hat man schon letzten September das umstrittene Gesetz zur Vorratsdatenspeicherung durch den Bundestag gebracht, als alle anderen damit beschäftigt waren, ob des ach so schlimmen „humanitären Imperativs“ kollektiv den Verstand zu verlieren. Bravo, Herr Innenminister, so geht Rechtsstaat!

Das Highlight der Sondersendungsmühle der ARD steht aber zu diesem Zeitpunkt noch immer bevor. Von allen möglichen zur Verfügung stehenden Polittalks hat man sich entschieden, ausgerechnet Frank Plasbergs hart aber fair zur Verantwortung zu rufen; Maischberger und Will sind wohl in der Osterpause. Thematisch und inhaltlich schließt diese Sendung nahtlos an das gerade Gesagte an. Moderator Plasberg macht eine Stunde lang harte Propaganda für die Abschaffung des Datenschutzes. Armin Laschet, der seit Wochen schon das Kreuz der Kanzlerinnenverteidigung durch das öffentlich-rechtliche Fernsehen trägt, wirft er sogar nach nicht mal zwanzig Minuten arrogant an den Kopf „Scheiß auf Datenschutz!“ [ab 19:15] Das sagt der Moderator eines Polittalks im Ersten Deutschen Fernsehen… angeblich ein Journalist. Damit aber natürlich auch noch lange nicht genug, schließlich kann hart aber fair nicht hart aber fair sein ohne ein bisschen soliden Rassismus, Islamophobie oder Brandstiftung, und am besten einfach alles davon. Williger Handlanger Plasbergs diesbezüglich ist dieses Mal Rolf-Dieter Krause, langjähriger Korrespondent und Leiter des ARD-Studios in Brüssel. Der bekennt in einem erschreckenden Wortwechsel vollkommen unverhohlen und auch unwidersprochen, dass er vor „dunkelhäutigen Menschen“ schon seit Längerem und grundsätzlich Angst habe:

Krause: […] Man weiß, dass es hier Stadteile gibt, in denen es auch ein radikales Biotop gibt unter den Muslimen. Man muss sagen, hier leben zehntausende Muslime, Marokkaner, mehr oder minder gut integriert. Sie gehen aber ihren Geschäften nach, sie tun nichts Schlimmes, aber sie werfen schon die Frage auf, was sie selbst tun, um unsere Gesellschaft in Ordnung zu halten. Sie sind ja hier, weil es ihnen hier besser geht als in Marokko oder in Algerien, und manchmal fragt man sich: Was tut ihr dafür, dass es hier auch besser bleibt?

Plasberg: Herr Krause, Sie sind ein kluger Mann, ein aufgeklärter Mann, Sie gehen morgen wieder durch ihr Brüssel. Gucken Sie anders, wenn drei junge, arabisch aussende Menschen zusammen stehen mit Kapuzen auf dem Kopf? Gucken Sie anders als heute oder können Sie sich frei davon machen?

Krause: Das tun wir schon länger. Ich meine, wir leben hier seit Monaten unter der Terrorwarnstufe 3, zum Teil 4. Man guckt dann schon: Wer bist du? Die meisten sind wie gesagt friedlich, man muss da auch aufpassen, dass man nicht eine Paranoia entwickelt, denn, seien wir ehrlich, wenn Terroristen erstmal dahin kommen, wo man selbst ist, dann hat man auch keine Chance mehr, das ist eine Frage von Glück und Pech. Man kann da wenig dran machen, man kann auch mit eigener Vorsicht wenig dran machen, und meine Schlussfolgerung ist, ich lasse mich nicht irremachen davon. Ich habe die Sorge, aber ich hab keine Angst. Und wir dürfen uns unser Leben hier auch nicht kaputtmachen lassen. Eigentlich, wie die meisten Brüsseler, lebe ich ganz normal in dieser Stadt und meine Kollegen tun das auch. Aber klar, man guckt schon aufmerksam um sich rum, vor allem, wenn man dunkelhäutige Menschen sieht, weil die Täter sind nun mal Marokkaner gewesen… vom Ursprung her.  [9:04-10:54]

Wem dabei nicht der Atem stockt. Im weiteren Verlauf der Sendung wird Krause wiederholt den Begriff „ethnische Marokkaner“ verwenden. Meinen tut er damit konkret die Einwohner der inzwischen berühmt-berüchtigten Gemeinde Molenbeek (ca. 100000 Einwohner), im weiteren Kontext seiner Aussagen aber natürlich eben „dunkelhäutige Menschen“. Brauchen tut es diese Kategorie des „ethnischen Marokkaners“ nun, da das Problem ist, wie Krause selbst auch zugibt, dass die Leute über die er spricht größtenteils belgische Staatsbürger sind. Unterscheiden muss man sie ja aber nun mal, von den guten Belgiern, also braucht man andere Kategorien. Auftritt die Klassiker: Religion, Hautfarbe, Ethnie – wie wäre es mit „Rasse“, Herr Krause?

Am folgenden Morgen wird Wolfgang Bosbach im Deutschlandfunk von Christine Heuer interviewt. Der selbsternannte CDU Innenexperte versucht hier, wie er es schon am Vorabend bei Markus Lanz getan hatte, den harten Anti-Datenschutz-Kurs à la de Maizière zu propagieren und gleichzeitig über das Thema EU-Außengrenzen und Schengenraum die nicht mehr ganz so subtile Vermengung mit dem Thema Flüchtlingspolitik voranzutreiben. Dummerweise sieht er sich mit Christine Heuer einer Journalistin gegenüber, die ihre journalistische Verantwortung ernst nimmt und nachfragt – im Fernsehen passiert ihm das natürlich nicht, und schon gar nicht bei Lanz. Wenn er von verstärktem Datenaustausch und Datenvernetzung spricht, lässt Heuer es Bosbach nicht durchgehen zu behaupten, dass es sich dabei nicht um einen deutlichen Abbau von Freiheitsrechten handele, und wenn er auf die EU-Außengrenzen und den „Flüchtlingsstrom“ kommen will, ermahnt sie ihn, dass sie ihn danach nicht gefragt habe, und stellt klar, dass Terrorismus und Flüchtlingspolitik zwei vollkommen unzusammenhängende Themen seien. Es ist ein inzwischen und besonders in solchen Situationen seltener Moment des echten Journalismus, der den mehr oder minder subtilen Populismus eines Bosbach als das entlarvt, was er ist. Aber er kommt zu spät, beziehungsweise solcher echter Journalismus steht an diesem Morgen allein auf weiter Flur. Die Sondersitzung des Bundeskabinetts für den Mittag ist schon geplant, ein Sondertreffen der EU-Innenminister wird folgen. Auf die Sondersendungsmaschinerie folgt nun so sicher wie das Amen in der Kirche der politische Aktionismus und die politische Instrumentalisierung zu unlauteren Zwecken. Am Abend des 23.3. gibt Rainald Becker, Chefredakteur des ARD-Hauptstadtstudios, in den tagesthemen einen Kommentar zum Besten, in dem er Datenschützer und Verteidiger des Datenschutzes nach Brüssel als Mitschuldige der Terroranschläge beschimpft. Umfassende Daten müssten Ermittlungsbehörden in Echtzeit immer und überall andauernd zur Verfügung stehen. Von der Fußfessel für islamistische „Gefährder“ hält Becker allerdings nicht – schließlich wolle man den Rechtsstaat ja nicht abschaffen…

Jedes Mal wird nach einem solchen Anschlag in unseren Reaktionen die Bereitschaft nach oben geschwemmt, noch ein bisschen mehr unserer selbst aufzugeben, uns noch ein bisschen mehr zu verlieren. Aber vielleicht waren ‘wir’ auch nie wirklich das, was ‘wir’ zu sein behauptet haben. Datenschutz wird von unserem Staat als Grundrecht angesehen, das sich aus dem Recht auf freie Persönlichkeitsentfaltung in Art. 2 Abs. 1 des Grundgesetzes ableitet. Die Abschaffung dieses Grundrechtes hat der Bundesinnenminister offen propagiert; dazu hat der Bundesjustizminister geschwiegen, ebenso die Bundeskanzlerin, und vom Koalitionspartner ist sowieso nichts mehr zu hören, ergo muss man davon ausgehen, dass es sich dabei um eine offizielle Regierungsposition handelt. Diesem Vorschlag hat der größte Teil unserer öffentlich-rechtlichen Medien freudig zugestimmt. Plasberg möchte auf den Datenschutz scheißen, Becker hält Datenschützer für mitschuldig, Sicherheit hat Vorrang.

Gesprenkelt wird das Ganze dann noch mit einer gehörigen Portion Rassismus. Die Reaktion auf die Gewalttaten Einzelner ist die permanente Wiederholung eines Generalverdachts gegen alle Muslime und vor allem gegen unsere eigenen Staatsbürger, die das Pech haben „dunkelhäutige Menschen“ zu sein. Schon nach dem 13. November in Paris war das eine der zentralen Dynamiken der öffentlichen Debatten in den Tagen nach den dortigen Anschlägen. Immer wieder wurde wiederholt, dass nun auf muslimischen Verbänden und Vereinen, aber auch einfach auf jedem einzelnen Muslim eine besondere Verantwortung laste, sich klar und deutlich von den Terroristen zu distanzieren – was zum Beispiel die muslimischen Zentralverbände stets umgehend tun, aber scheinbar ist das dann doch nie genug, es wird zumindest nicht berichtet. Die Frage ist aber eigentlich die, wie ‘wir’ überhaupt dazu kommen, solche Forderungen an die muslimischen Communities unserer Länder zu richten? Als die IRA jahrzehntelang Anschläge in Irland und England verübte, hat man da alle Christen und den Vatikan dazu aufgefordert, sich dringendst von diesen Anschlägen zu distanzieren? Hat man das von allen Christen verlangt, als der Rechtsradikale Anders Breivik 2011 in Norwegen 77 Menschen ermordet hat, fast die Hälfte davon übrigens Kinder? Breiviks Anschläge waren neben dem rechtsextremen Gedankengut eindeutig religiös (christlich) motiviert. Niemand hat das damals von allen Christen gefordert, im Gegenteil, Rainald Becker tat sich dadurch hervor, dass er öffentlich von islamistischen Angriffen sprach, bevor überhaupt konkrete Informationen zum Tathergang vorlagen. Zu Recht hat das niemand von allen Christen verlangt, aber mit welchem Recht verlangen wir es von muslimischen Mitbürgern?

Und was nun Krauses ethnische Gefasel über Molenbeek angeht: Ich kenne Brüssel nicht und war folglich auch noch nie in Molenbeek. Allerdings kenne ich aber Leute, die schon dort waren, und die mir in der Tat bestätigt haben, dass es in diesem Stadtviertel ein großes Problem mit sogenannten Parallelgesellschaften gibt. Es geht gar nicht darum, das zu bestreiten. Was ich aber selbst kenne, wenn auch nicht wirklich gut, das sind die Banlieues von Paris. Die muss man auch gar nicht gut kennen, um zu begreifen, was dort vor sich geht. Gehen Sie einfach mal fünf Minuten in eine Pariser Banlieue und die erdrückende und komplexe soziale Problematik, die sich dort abzeichnet, wird Sie geradezu anspringen. An solchen Orten ist man mit unangenehmen Wahrheiten konfrontiert, die nach Ereignissen wie den Brüsseler Anschlägen, eigentlich aber auch ansonsten, kein Politiker und kein Journalist bei uns offen auszusprechen wollen scheint. An sich ist das vielleicht auch verständlich, denn würde man sie einmal aussprechen, dann würde das gefällige Kartenhaus der Schwarzmalerei von Gut und Böse, von ‘uns’ (gut) und ‘den anderen’ (böse), das in solchen Momenten so gerne bedient wird, ganz schnell zusammenfallen. Rolf-Dieter Krause spricht davon, dass solche Gebiete die Biotope der Muslime seien, gemeint sind die selbstgewählten, selbsterrichteten Biotope. Diese Behauptung ist absurd und dumm. Um beim Beispiel Paris zu bleiben: Dass die französischen Bürger mit maghrebinischem, marokkanischem und algerischem Migrationshintergrund, die in den Banlieues jenseits der inneren Périphérique leben, dort freiwillig ihre ‘Ghettos’ bilden würden, das ist lächerlich. Das sind zu 99 % die Menschen, die in der Pariser Innenstadt die Toiletten, die Metros und vielleicht noch die Straßen putzen. Die „Biotope“ der Banlieues sind zunächst einmal nicht aus sich selbst heraus entstanden, sondern von außen geformt worden, da unsere westlichen Gesellschaften der ‘überlegenen’ Werte nicht bereit waren, Menschen mit anderer Hautfarbe, Religion und Herkunft zu integrieren. Anstatt dessen hat man dort ein System basierend auf Armut, sozialer Chancenlosigkeit und institutionalisierter Diskriminierung florieren lassen, das den dort lebenden Franzosen, Belgiern, etc. sehr deutlich vermittelt, dass sie nicht wirklich zu unseren Gesellschaften gehören, auch wenn sie hundertmal dort geboren sind. Das Problem ist sehr viel komplexer als Gut und Böse, diese Kategorien verlieren nach wenigen Minuten in einem solchen sogenannten sozialen Brennpunkt jeden Sinn und jede Gültigkeit.

Ereignisse wie die Anschläge in Brüssel am vergangenen Dienstag verdeutlichen vor allem eines: Wir verlieren immer. Wir verlieren seit 2001, weil wir nach jedem neuen Anschlag stets nur allzu bereit sind, ein weiteres Stück unserer selbst aufzugeben. Voranmarschiert sind die Vereinigten Staaten, die sich als Folge von 9/11 in einen bedenklichen Isolationismus hineingeredet haben. Die Regierung George W. Bushs hat völkerrechtswidrige Kriege normalisiert, massive Menschenrechtsverletzungen. Unter dem zynischsten aller Begriffe, dem der „enhanced interrogation“, wurde hier systematisch und jahrelang gefoltert. Dennoch und trotz unseres Wissens darum haben wir daran festgehalten, dass es sich dabei um unsere engsten Verbündeten handele; wie könnten wir auch anders. In Frankreich war die Reaktion auf Paris die Normalisierung eines Ausnahmezustands, der konsequent die Verfassung aushebelt und aller Wahrscheinlichkeit nach von Präsident Hollande per Verfassungsänderung in selbiger verankert werden wird, während er im Moment noch vom Parlament bestätigt werden muss. Ein klassischer Abbau demokratischer Korrektive und die Einrichtung potentieller Ermächtigungsmaßnahmen. Bei uns war es stets der Datenschutz, stets Schritte in Richtung des Überwachungsstaates, die in der Folge von Anschlägen gefordert wurden, die bisher übrigens nie in Deutschland sondern anderswo stattgefunden haben. Gleichzeitig wird dann gerne auch im Fernsehen der Satz „Wir dürfen uns von Terroristen nicht verängstigen lassen“ wie ein Mantra rauf und runtergebetet. Was bitteschön ist all das, wenn nicht Angst?

Der Politikwissenschaftler Samuel Huntington hatte bereits 1996 mit seiner gleichnamigen, kontroversen Monographie den Begriff des „Kampfes der Kulturen“ (Clash of Civilizations) geprägt. In diesen Kampf sind nach 2001 vor allem die Vereinigten Staaten von Amerika unter George W. Bush nur allzu bereitwillig gezogen, mit uns im Schlepptau. Wir waren in Afghanistan; angeblich nicht in Irak, außer dass eine – zugegebenermaßen geringe – Zahl an BND-Agenten, deutschen Spezialeinheiten und deutscher Aufklärungstechnik die amerikanischen und britischen Truppen dort unterstützt haben; und wir konnten uns nach den Anschlägen in Paris im November des letzten Jahres nicht schnell genug an der militärischen Intervention in Syrien der Amerikaner und Franzosen beteiligen, wenn auch wieder nur durch Aufklärungsflüge, die die Bundeswehr zudem durch ein Software-Update eigenständig sabotiert hat. Der 11. September 2001 wird häufig als ein Tag bezeichnet, an dem sich die Welt verändert hätte. Das war er auch. Aber es waren nicht die Terroristen, die an diesem Tag die Welt verändert haben, sondern wir haben sie verändert, indem wir nur allzu schnell allzu bereit waren, unsere inzwischen so oft und so verzerrt berufenen Werte und unsere Lebensart aus Angst der Panikmache und den Machenschaften von skrupellosen Kriegstreibern à la George W. Bush und Dick Cheney zu opfern, wider besseres Wissen, und das tun wir noch immer, nach jedem neuen Anschlag. „Datenschutz ist schön, aber in Krisenzeiten hat Sicherheit Vorrang“, „Scheiß auf Datenschutz.“ In der Tat, an einem solchen Tag bleibt nur Traurigkeit…

Ich erinnere mich genau an den 11. September 2001. Damals war ich noch in der Schule. Von den Anschlägen in New York bekam ich mit, als ich nachmittags nach dem Sportunterricht nachhause kam. Das war ungefähr zu dem Zeitpunkt als das zweite Flugzeug in den zweiten Turm des World Trade Center raste. An diesem Tag erlebte ich zum ersten Mal eine solche Endlosschleife in der Berichterstattung, die ich damals natürlich nicht als solche wahrnahm. Ich hatte bereits an diesem Tag zu begreifen geglaubt, dass diese Anschläge die Welt verändern würden – vor allem da man es mir stundenlang im Fernsehen erzählte (als 16-Jähriger ist man dafür schließlich noch etwa empfänglicher). Um aber zu begreifen, was an diesem Tag tatsächlich passiert ist, habe ich noch viele Jahre gebraucht, vielleicht ist es mir sogar erst in diesen letzten Jahren bewusst geworden. Ich habe auch nicht vergessen, wann und wo ich war, als ich von den Anschlägen in Paris am 13. November 2015 gehört habe, und ich gehe davon aus, auch nicht zu vergessen, dass ich von Anschlägen in Brüssel gegen zehn Uhr morgens am 22.3.2016 erfahren habe. Wir leben leider in einer gewalttätigen Welt. Allerdings haben auch wir Teil an dieser Gewalt, was wir gerne vergessen, da wir davon nichts sehen. Die toten Zivilisten des Afghanistan- und des Irak-Krieges waren für uns Kollateralschäden, die getöteten Zivilisten im Zuge der sogenannten „Kundus-Affäre“ ein Nebenprodukt der eigentlich wichtigen Frage nach der politische Zukunft unseres damaligen betrügerischen Verteidigungsministers zu Gutenberg, das Massensterben syrischer Bürger im Laufe des dort tobenden Bürgerkriegs findet fern unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit statt. Nichtsdestotrotz sind wir Teil dieser ständigen Gewaltspirale zwischen ‘Westen’ und ‘islamischer Welt‘/Nahem und Mittlerem Osten. Auch wenn Dämonen per definitionem und aus sich heraus böse sind und böse handeln, so sind diese Dämonen entsprechend auch unsere Dämonen; es sind Dämonen, die wir mit heraufbeschworen haben. Und wenn wir das nicht einsehen, dann werden wir aus der Gewaltspirale nicht mehr herauskommen. Deshalb verlieren wir immer…

(Von Benjamin Marquart)

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