Meet Tim Sebastian…

Das Standardvorgehen hoher AfD-Funktionäre in öffentlichen Debatten war bisher stets, zuerst widerwärtige, fremdenfeindliche und/oder diskriminierende Dinge selbst öffentlich in die Welt hinauszuposaunen (oder von anderen posaunen zu lassen), um dann sofort zu behaupten, sollte tatsächlich mal kritisch nachgefragt werden, das habe man nie so gesagt und das sei ja überhaupt und sowieso mal wieder eine Falschdarstellung der bösen, bösen „Lügenpresse“. Ausgenommen von dieser Dynamik waren allerdings schon immer Hardliner wie Höcke; aus deren Fraktion wird gerne auch mal bei der Thüringer Landesregierung nachgefragt, wieviele Homosexuelle eigentlich im Land lebten. Eine spezielle Variante dieser Methode war die Reaktion der AfD auf Nachfragen bezüglich tatsächlicher Inhalte der Wahlprogramme der Partei in den Bundesländern Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt, in denen am 13.3.16 gewählt wurde. Als es schon zu spät war und die AfD ihre beschämenden Wahlerfolge eingefahren hatte, fiel es SPD-Politikern und JournalistInnen plötzlich ein, AfDler mal tatsächlich mit dem zu konfrontieren, was da so drin stand: Gefasel über Völkisch-Nationales, Forderungen nach Registrierung von Homosexuellen, Rückkehr von Frauen an den Herd und andere schöne Dinge. AfD-Ökonomin Alice Weidel antwortete darauf in der Sendung Maischberger vom 16.3.16 mit der Ausflucht, dass diese Fragen insofern nicht zulässig seien, als ja noch gar kein festes Parteiprogramm der AfD existiere. Maischbergers Reaktion darauf: keine inhaltlichen Nachfragen, keine Frage, wo denn die inhaltliche Antwort bleibe, kein Verweis darauf, dass das alles aber trotzdem in den Wahlprogrammen stehe, keine Frage, warum denn drei Jahre nach der Gründung noch kein Parteiprogramm stehe. Die AfD kommt bei uns in der Presse allzuoft damit durch, dass sie nicht wirklich für das rechte Gedankengut, das sie an die Öffentlichkeit trägt, zur Verantwortung gezogen wird. Anstatt dessen wird noch immer darüber diskutiert, ob sie denn nun eine rechtsextreme Partei sei oder nicht. Inzwischen hat das Recherchezentrum Correctiv den Programmentwurf der AfD geleakt. Da kann jetzt jeder nachlesen, wofür die Partei steht: Institutiuonalisierte Diskriminierung von Asylbewerbern, Migranten, Frauen und Homosexuellen (bzw. LGBT-Communities im Allgemeinen), Privatisierung bis zu Abschaffung des Sozialstaats, Leugnung des Klimawandels, etc. Die spannende Frage ist jetzt, ob und wann eine AfD-PolitikerIn im öffentlich-rechtlichen Fernsehen nun auch damit konfrontiert wird. Das Argument, dass es noch kein Programm gebe, das zieht ja nun wohl nicht mehr, oder?

An anderer Stelle war man allerdings nicht so zimperlich mit der AfD. Meet Tim Sebastian! Der britische Journalist und langjährige Moderator der Sendung Conflict Zone der Deutschen Welle (die Teil der ARD und damit auch öffentlich-rechtlich, insofern nur bedingt tatsächlich eine andere Stelle ist) hat mit der AfD-Vorsitzenden Frauke Petry ein Interview geführt, in dem er diese Dynamik allein dadurch durchbrach, dass er Petry nicht damit durchkommen ließ, sich zum armen, armen Opfer der angeblich linksorientierten „Lügenpresse“ zu stilisieren, um so von den niederträchtigen Inhalten und Äußerungen ihrer Partei und ihrer selbst abzulenken. Für dieses Interview hat Sebastian inzwischen mehr als genug Lob bekommen, beziehungsweise Johanna Roth hat in ihrem Kommentar in der taz zu Recht darauf hingewiesen, wie erschreckend es eigentlich sei, dass Sebsatians Form des kritischen Journalismus, die eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollte, inzwischen von uns als Außergewöhnlichkeit wahrgenommen und gefeiert werde. Nichtsdestotrotz ist Sebastians Interview mit Petry sehr sehenswert:

Wer die knapp 27 Minuten Zeit hat (und sie einer kritischen Beleuchtung der AfD-Vorsitzenden zu opfern bereit ist), der/die sollte sich das Interview anschauen. Sophia Schirmer von bento hat aber auch noch einmal die zentralen Fragen und Antworten aus dem Gespräch zusammengetragen. Im Gegensatz zu den reißerischen Kurztexten, die man von den Homepages von hart aber fair oder ähnlichem gewohnt ist, hat die Deutsche Welle auf der offiziellen Seite der Sendung außerdem einen sehr ausführlichen Einführungsartikel veröffentlicht.

(Von Benjamin Marquart)

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