Buchempfehlung: Fritz Stern – Das feine Schweigen

Am 18. Mai 2016 verstarb der Historiker Fritz Stern im Alter von 90 Jahren. Diesem Mann und seiner langen wissenschaftlichen Karriere einen weiteren Nachruf zu widmen ist hier weder angebracht noch vonnöten; sein Tod hat in der Presse bereits eine wahre Flut an Retrospektiven auf sein Leben ausgelöst. Deshalb erscheint es mir weitaus angemessener, einen Blick auf seine Publikationen zu werfen, um aus dieser Liste ein Werk herauszugreifen, das es sich zu lesen empfiehlt. Die meisten Geisteswissenschaftler, geschweige denn Historiker, produzieren ihre Texte im Regelfall im Wissen um die vergleichsweise geringe Halbwertszeit ihrer Forschung und ihrer Ergebnisse. Das liegt gewissermaßen in der Natur der Sache. Die große Mehrheit aller Historiker verbringt ihre Karriere in diesem Wissen um die Vergänglichkeit der eigenen Arbeit und in dem Bewusstsein, mit großer Wahrscheinlichkeit nie zu der privilegierten kleinen Gruppe ihrer Zunft zu gehören, die sogenannte Standardwerke schreibt. Bei Fritz Stern war das anders. Bücher wie seine Dissertation Kulturpessimismus als politische Gefahr. Eine Analyse nationaler Ideologie in Deutschland zählen nicht nur zu diesen Standardwerken, sondern sein zentrales Thema, das er in diesem Buch zum ersten Mal bearbeitete, hat dazu geführt, dass sein Werk an Aktualität nicht verloren, sondern eher gewonnen hat, wenn auch sicherlich auf eine andere Weise als Stern selbst es sich gewünscht hätte.

Stern war 1926 als Sohn einer jüdischen Familie in Breslau geboren worden. 1938 flohen seine Eltern mit ihm und seiner Schwester vor den Nazis in die USA, wo er seitdem bis zu seinem Tod lebte. Als Historiker verfolgte er eine wissenschaftliche Laufbahn, die heute so wohl nicht mehr denkbar wäre. Er studierte und promovierte nicht nur an der Columbia University in New York, sondern hatte dort auch seit 1967 bis zu seiner Emeritierung 1997 eine ordentliche Professur inne. Neben mehreren Gastprofessuren sowohl in Amerika als auch in Deutschland wagte Stern sich beizeiten auch immer wieder in den Bereich des Politischen, zum Beispiel als er 1993 Berater des amerikanischen Botschafters in Bonn wurde.

Das Thema, das Stern neben seinem Schwerpunkt in der Geschichte des Geschichtsschreibung im Laufe dieser Karriere schon früh für sich entdeckt hatte, war die Frage nach den Ursprüngen des Nationalsozialismus in der deutschen Kultur- und Ideengeschichte des 19. Jahrhunderts, das er in seiner Dissertation zum erste Mal unter dem Schlagwort des Kulturpessimismus behandelt hatte. Als Leitfaden zog sich diese Frage durch sein gesamtes Werk und sein Denken bis zu seinem Tod und es mag einem schwerfallen, dieses Interesse nicht auch auf seine eigene Biografie zurückzuführen. Sehr früh hatte Stern die Erfahrung machen müssen, was der ungehinderte Aufstieg des Hasses in einer Gesellschaft bedeutete. Die Flucht seiner Familie 1938 war gewissermaßen eine in letzter Sekunde, bevor es den Juden in Deutschland und dem besetzten Europa praktisch unmöglich geworden war, vor der unmenschlichen Vernichtungsmaschinerie der Nazis aus Europa zu fliehen. Trotz dieser existentiellen und prägenden Erfahrung hatte es Stern aber nach dem Ende des zweiten Weltkrieges recht schnell geschafft, ein „anderes Deutschland“ zu sehen als das der Nazis (Gunter Hofmann hat ihn in der Zeit deshalb sicher nicht zu Unrecht „Eine Stimme wider das alte Deutschland“ genannt), wenngleich er die Überreste auch dieses Deutschland immer nur zu gut gesehen hat. Der Ausdruck dieses sehr komplexen, letztendlich aber optimistischen Verhältnisses zu dem Land, vor dessen Schreckensherrschaft er im Alter von zwölf Jahren mit seiner Familie hatte fliehen müssen, war seine 2006 zuerst in Amerika erschienene Autobiografie Fünf Deutschland und ein Leben.

Da man nicht zuletzt aufgrund des großen Umfangs von Sterns Werk kaum die Zeit haben wird, sich umfassend damit auseinanderzusetzen, empfiehlt es sich nun, vor allem seinen 1999 veröffentlichten Band Das feine Schweigen zu lesen, da dieser in vielerlei Hinsicht eine Essenz seines Denkens darstellt. In insgesamt fünf Essays verfolgte er darin noch immer die Frage nach dem kulturellen Aufstieg des Nationalsozialismus und den kulturellen Ursprüngen des Zivilisationsbruchs im NS. Diese Frage hatte Stern inzwischen jedoch von konkreten Begrifflichkeiten wie dem Kulturpessimismus gelöst und bezog sie vielmehr auf soziale Dynamiken. Mit dem Titel folgte Stern einem Zitat von Friedrich Nietzsche. In Jenseits von Gut und Böse hatte sich dieser im Kapitel über die „Völker und Vaterländer“ der Frage gewidmet, wie eigentlich Goethe, der im Laufe des 19. Jahrhunderts mehr und mehr zu einer nationalen Ikone verzerrt worden war, über die Deutschen gedacht habe. Dabei war er zu dem Schluss gekommen, dass sich der Weimarer Olympier tatsächlich dazu nie geäußert, sondern sich bei dieser Frage stets in der Kunst des „feinen Schweigens“ geübt habe.

„Was Goethe eigentlich über die Deutschen gedacht hat? – Aber er hat über viele Dinge um sich herum nie deutlich geredet und verstand sich zeitlebens auf das feine Schweigen – wahrscheinlich hatte er gute Gründe dazu.“ (Friedrich Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse)

Diesen Begriff entlehnte Fritz Stern um ihn selbst zu einer Chiffre einer sozialen Dynamik umzudeuten, die den Aufstieg eines radikalen Nationalismus und schließlich des Nationalsozialismus in Deutschland entscheidend mit ermöglicht habe: das Schweigen einer liberalen Mitte gegenüber der extremen Rechten. Diese Dynamik verfolgte Stern in seiner Essaysammlung unter verschiedenen Perspektiven. So warf er den Blick auf einzelne Akteure wie den Physiker Max Planck oder den Historiker Jacob Burckhardt, den er als einen der großen „Warner und Mahner“ (Stern: Das feine Schweigen, 1999, S. 11.) der Geschichte verstand. Er befasste sich mit dem „Tod in Weimar“ als Katalysator nationalsozialistischer Symbolpolitik und der „erzwungenen Verlogenheit“, die totalitäre Regime wie das Dritte Reich, das stalinistische Russland oder die DDR von ihren Bürgern forderten, und die in seinen Augen 1989 das erste Mal durch eine friedliche Revolution gebrochen worden sei. Und schlussendlich befasste er sich mit den Folgen dieses feinen Schweigens, die er vor allem in der Machtergreifung der Nationalsozialisten und dem Dritten Reich sah.

„Der Triumph des Nationalsozialismus war nicht die Vollendung oder Krönung der deutschen Geschichte – das war die NS-Legende schlechthin – und auch kein Betriebsunfall oder Zufall: Er war vermeidbar, er hatte seine tapferen Gegner, aber es gab auch vieles in der deutschen Geschichte und der damaligen Gegenwart, das ihn begünstigt hat. Dazu gehörte – unter anderem, und mehr will ich nicht sagen – eine gewisse Tradition des feinen Schweigens.“ (Stern: Das feine Schweigen, 1999, S. 159.)

Zugleich betrachtete Fritz Stern das feine Schweigen aber nicht als ein Phänomen der Vergangenheit, sondern vielmehr als eine Grundkonstante oder zumindest eine ahistorische Möglichkeit gesellschaftlicher Kommunikationsmechanismen. Geschwiegen wurde nicht nur gegen den Aufstieg von Hass, Rassismus und Antisemitismus, sondern es ist und wird auch immer möglich sein zu schweigen, aus dem Gefühl für die Feinheit des Schweigens heraus gegenüber dem unangenehmen Geschrei von rechts: „In unserem lauten, gelegentlich brüllenden Jahrhundert hat man das „feine Schweigen“ kaum bemerkt. Aber in Zeiten des Terrors bot es Menschen die Möglichkeit zu glauben, daß Anstand und Anpassung vereinbar wären. Die Tradition des „feinen Schweigens“ war in Wahrheit aber eine der Vorraussetzungen für das Verbrechen.“ (Stern: Das feine Schweigen, 1999, S. 9.)

Georg Diez hat vergangene Woche in seiner Spiegel Online-Kolumne Überlegungen dazu angestellt, weshalb Sterns These vom feinen Schweigen auf unsere unmittelbare gesellschaftliche Gegegnwart nur allzu anwendbar sei. Und der Irrglaube von der Vereinbarkeit von Anstand und Anpassung an scheinbare Mehrheitsmeinungen ist nur allzu offensichtlich, wenn zum Beispiel Maybrit Illners letzte Sendung über den – zahlenmäßig tatsächlich eher marginalen – Anstieg der Kriminalitätsrate in Deutschland bereits in der Anmoderation zu einem knapp einstündigen Anti-Ausländer-Plädoyer verkommt, in dem schließlich auch noch Bürgerwehren glorifziert werden und Historiker sich dazu hergeben, das rechte Bedrohungsszenario von eingewanderter Gewalt und Überfremdung intellektuell zu untermauern. Die Rolle des Historikers hat Fritz Stern da ganz anders verstanden. Er sah sie vielmehr als Träger einer besonderen Verantwortung, wenn es um die Entschlüsselung einer komplizierten Vergangenheit geht, nicht als Mitläufer, die der kollektiven Paranoia der Volksseele hinterher oder gar  voraus rennen. Der gegenwärtige Rechtsruck des „Westens“, den Fritz Stern in Amerika mit der Kandidatur Donald Trumps und der Möglichkeit einer Präsidentschaft dieses Demagogen mit den kleinen Händen noch miterlebte, haben ihm bis zuletzt große Sorgen gemacht. Noch im Januar deutete er in einem dpa-Interview unsere Gegenwart als den möglichen Beginn eines neuen Zeitalters, das vom Aufstieg der Rechten durch die instrumentalisierte Angst geprägt sein werde.

Da Stern in seinem eigenen Verhältnis zu Deutschland am Ende aber stets Optimist geblieben ist, ist es wohl angebracht, auch hier optimistisch zu enden. Als von den Nazis Vertriebener hat er es nach 1945 dennoch geschafft, das andere Deutschland zu sehen – was vielen anderen mit vergleichbaren Biografien verständlicherweise nie so recht gelungen ist. Im Sinne seiner Betrachtung Jacob Burckhardts sollte man also vielleicht auch seine These vom „feinen Schweigen“ als eine Warnung verstehen. Eine Warnung davor, wie sich dieses andere Deutschland nicht verhalten sollte, wenn es gegen die lauten Rechten bestehen will.

(Von Benjamin Marquart)

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