Die Welt, in der wir leben…

Das Unfassbare ist geschehen: Donald Trump ist zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt worden. Eine deutliche Mehrheit des amerikanischen Wählervolks hat sich dafür entschieden, einen rassistischen, sexistischen, islamophoben Clown mit totalitären Tendenzen, der Amerika auf den glorreichen Stand der 1950er Jahre zurückwünscht, zum mächtigsten Mann der Welt zu wählen. Diese in vielen Punkten absehbare Wahl wurde in den öffentlichen Debatten in Amerika bereits im Vorfeld mit dem Narrativ zu entschuldigen versucht, dass man nur weil Trump ein Rassist und Sexist ist, nicht gleich alle seine Anhänger als Rassisten und Sexisten abtun dürfe, und dass viele seiner Wähler ihn aus anderen Gründen unterstützen würden.

Angeführt wurde dabei stets Trumps angebliche Stammwählerschaft der sozial und politisch abgehängten Einwohner des amerikanischen Rust Belt, des ehemaligen Zentrums der industriellen Großproduktion, das seit den 1980er Jahren durch die Abwanderung von Konzernen und das massive Outsourcing von Jobs einen deutlichen wirtschaftlichen Verfall erlebt hat. Die dort ansässigen Trump-Wähler – weiß, männlich, arbeitslos, ungebildet – wurden wiederholt in Analysen und Prognosen als klassische Protestwähler charakterisiert, die den als korrupt wahrgenommenen politischen Eliten und der Globalisierung die Verantwortung an ihrem persönlichen Unglück zuschrieben und Trump wählten, um nämlichem politischen Establishment den kollektiven Mittelfinger zu zeigen. Für den arbeitslosen Fabrikarbeiter aus Pennsylvania oder Ohio repräsentiere Hillary Clinton, deren Beliebtheitswerte erst kürzlich auf ein neues Rekordtief sanken, alle diese Probleme und sei allein deshalb unwählbar.

Und in der Tat spricht für diese Analyse einiges, oder anders gesagt: Mit Hillary Clinton haben die Demokraten unfraglich die einzige Kandidatin aufgestellt, die in der Lage war, gegen den selbstgebräunten, toupierten Clown aus New York zu verlieren. Nicht nur ist belegt, dass Clinton zusammen mit ihrem Mann, dem ehemaligen Präsidenten Bill Clinton, seit 2001 über 150 Millionen Dollar an Vortragshonoraren von Großbanken eingenommen hat, darunter auch Goldman Sachs, neben Morgan Stanley, Merril Lynch und Lehman Brothers eine der berühmt-berüchtigten Bad Banks, die erheblichen Anteil der Finanzkrise von 2008 hatte. Sondern inzwischen hat Wikileaks – wenn auch zu einem sehr fragwürdigen Zeitpunkt – durch geleakte E-Mails von Clintons Wahlkampfleiter John Podesta wenn schon nicht illegale, so doch äußerst fragwürdige Praktiken des Wahlkampfteams der ehemaligen Secretary of State aufgedeckt. Diese Leaks bestätigten nicht nur das Bild von Clinton als Korporatistin im Dienst von Wall Street, das große Teile der amerikanischen Bevölkerung schon vorher von ihr hatten, sondern auch das einer berechnenden und skrupellosen Machtpolitikerin, die ihre Nominierung in den Vorwahlen durch unlautere Absprachen mit der eigenen Parteiführung, eine mediale Schmierkampagne gegen ihren damaligen Kontrahenten Bernie Sanders errungen hatte, und die sich von mit der Presse verbandelten Parteifreunden Fragen für die Presidential Debates im Vorhinein zustecken ließ. Insofern ja, Hillary Clinton war eine katastrophale Kandidatin, die selbst das einzige positive Kapital, das sie mitbrachte, nämlich als erste weibliche Präsidentschaftskandidatin ins Rennen zu starten, nicht wirksam abgreifen konnte.

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Quelle: http://www.tagesschau.de/multimedia/bilder/us-wahl-grafiken-101.html

Doch die aktuellen Statistiken zum Wahlverhalten verschiedener Bevölkerungsgruppen in den USA zeigen, dass zumindest die Dominanz dieses Trump-Wählertypus ein Mythos war. Denn Umfragen zeigen zwar, dass Trumps Stimmenanteil bei weißen Männern ohne College-Ausbildung – den prognostizierten, klassischen Trump-Wählern – mit 72 Prozent deutlich am höchsten war, doch damit gewinnt man keine Wahl. Weiße wählten den Reality-TV-Kandidaten insgesamt zu 58 Prozent, weiße Männer (auch mit College-Abschluss) zu 63 Prozent, weiße Frauen immerhin zu 42 Prozent, evangelikale Christen zu 81 Prozent. Anhand der Zahlen zeigt sich, dass Trump unfraglich der Kandidat der 45-plus-Jährigen ist, er ist der Kandidat des weißen Amerika, das 70 Prozent des Wahlvolkes ausmacht.

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Quelle: http://www.tagesschau.de/multimedia/bilder/us-wahl-grafiken-101.html

Das Erklärungsmodell von Trump als Kandidaten des sozial abgehängten und frustierten Protestwählers aus dem Rust Belt greift also nicht. Und selbst wenn es greifen würde, inwiefern wäre das eine Entschuldigung dafür, einen rassistischen Demagogen zu wählen? Zweifellos, für einen Arbeiter, dessen Job outgesourct oder wegrationalisiert wurde (wobei der zwielichtige Geschäftsmann Trump erwiesenermaßen der König des systematischen Outsourcings von Arbeitsplätzen war), ist Hillary Clinton als Repräsentantin eines käuflichen, politischen Establishment, das nur nach den Interessen der Großkonzerne und Superreichen handelt, sehr viel mehr als ein saurer Apfel, in den es zu beißen gilt. Doch ganz abgesehen davon, dass mit Gary Johnson und Jill Stein zwei Third-Party-Candidates im Rennen waren, denen ein solcher Wähler ebenfalls seine Stimme hätte geben können, ist Clinton im Vergleich mit Trump ebenso unweigerlich das kleinere Übel. Zwischen ihr und Trump liegen Welten, das haben die drei TV-Duelle deutlich gezeigt. Im Gegensatz zu Clinton ist Trump ein dümmlicher Egomane mit einer Konzentrationsspanne von wenigen Sekunden, der kaum einen kohärenten Satz bilden kann, selbst für einen Non-Native-Speaker nur ansatzweise der englischen Sprache mächtig ist und offensichtlich nicht das kleinste Bißchen von Irgendetwas versteht, worüber er spricht.

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Quelle: http://www.tagesschau.de/multimedia/bilder/us-wahl-grafiken-101.html

Angesichts eines solchen Kandidaten ist die Wahl für das kleinere Übel noch lange keine angenehme, aber leider eine allzu notwendige, und die Tatsache, dass diese Logik nicht mehr gegriffen hat, ist erschreckend. Denn nehmen wir Trump nur einmal bei ein paar seiner Worte, warten folgende Dinge auf uns: In nicht allzu ferner Zukunft wird es in den USA zu Massendeportationen von bis zu 11 Millionen mexikanischen Menschen kommen, die zurzeit illegal in Amerika leben und größtenteils arbeiten. In vielen Fällen wird das zur gewaltsamen Trennung von Familien führen, da in den Vereinigten Staaten geborene Kinder dieser illegalen Einwanderer amerikanische Staatsbürger sind. Dass diese jedoch aufgrund ihrer Hautfarbe ebenfalls deportiert werden, ist für einen Präsidenten wie Trump nicht undenkbar. Anschließend werden die Vereinigten Staaten an ihrer südlichen Grenze zu Mexiko die Berliner Mauer 2.0 errichten. Waterboarding und darüber hinausgehende Foltermethoden, die bereits von der Bush-Regierung nach 2001 angewandt wurden, werden unter Präsident Trump wieder eingeführt. Trump dazu Ende Juni: „I like it a lot.“ Ebenfalls auf dem Tisch ist für den neuen Präsidenten die Aufkündigung aller Handelsverträge, um sie anschließend neu zu verhandeln. Im Mai präsentierte Trump außerdem einen Plan für die amerikanische Wirtschaftspolitik, der auf der kindlichen Vorstellung basierte, dass er den US-Schuldenberg bei anderen Staaten unter Rabattbedingungen seitens der Regierung werde zurückkaufen können, was eine beispiellose Entwertung des Dollars nach sich ziehen könnte, die wiederum zu einer ebenso beispiellosen neuen Weltwirtschaftskrise führen würde. Wie der Independent zu Recht bemerkte, wird Trump nun nicht nur die Kontrolle über nukleare, sondern auch über wirtschaftliche Massenvernichtungswaffen haben.

Vergessen wir außerdem auch nicht, dass Trump nach dem Tod von Antonin Scalia im Februar einen Sitz des Supreme Court wird besetzen dürfen, nachdem die Republikaner im Kongress fast ein Jahr lang ohne Begründung Obamas Besetzungbemühungen boykottiert haben. Alleine diese Besetzung wird bedeuten, dass Trump erneut eine rechte Mehrheit unter den neun Richtern erzeugt, und mindestens eine weitere Neubesetzung im Lauf seiner Präsidentschaft ist wahrscheinlich. Konkret bedeutet das, dass eine Re-Illegalisierung der Homoehe in den Vereinigten Staaten durch ein entsprechendes Urteil des Supreme Court wahrscheinlich ist. Wie dann mit bereits verheirateten Homosexuellen verfahren werden wird, das steht ebenso in den Sternen wie das Schicksal der Kindergeneration illegaler Einwanderer. Was diese Umgewichtung des Obersten Gerichtshofs ebenso bedeuten könnte, ist ein allgemeines Abtreibungsverbot. Dabei ist zu beachten, dass Trump damit nicht nur massiv in das Selbstbestimmungsrecht von Frauen eingreifen möchte, sondern in einer MSNBC-Town Hall mit Chris Matthews gab er ebenfalls zu, dass er Abtreibung für Frauen wieder rechtlich unter Strafe setzen möchte.

Die größte Bedrohung durch Trump für die Weltgemeinschaft rührt jeodch unweigerlich daher, dass der gewählte Präsident immer und immer wieder unter Beweis gestellt hat, dass er zum einen keinerlei Verständnis dafür hat, was nukleare Waffen sind und welche möglicherweise weltbeendende Zerstörungsmacht sie besitzen, und er sich zum anderen wiederholt geweigert hat, ihren Einsatz unter seiner Präsidentschaft auszuschließen. In derselben MSNBC-Town Hall weigerte sich Trump sogar auszuschließen, dass er eine Atombombe auf Europa abwerfen werde. Die Angst vor Präsident Trump am Atomwaffen-Knopf, der in punkto Erregbarkeit das Gemüt eines dreijährigen Kindes an den Tag legt, ist insofern mehr als berechtigt.

Nun mag man sagen, dass all diese Szenarien reine Spekulation seien. Das sind sie aber leider nicht, denn sie basieren allesamt auf Trumps eigenen Wahlversprechen. Und mit republikanischen Mehrheiten im Senat und im Repräsentantenhaus wird Trump ab dem ersten Tag seiner Präsidentschaft die Möglichkeit haben, alle diese Versprechen in die grässliche Tat umzusetzen, denn so sehr sich einige Republikaner in den letzten Monaten darum bemüht hatten, im Vergleich zu ihrem Kandidaten als vernünftige und gemäßigte Politiker zu erscheinen, so sehr sind sie die Partei, die durch das jahrzehntelange Bedienen rassistischer Narrative dieses Monster mit eigenen Händen geschaffen hat, und die ihm im Zweifelsfall bedingungslos folgen wird.

Das Ergebnis dieses Morgens ist also nicht, dass eine frustrierte und entmachtete amerikanische Arbeiterschaft den Anti-Establishment-Kandidaten Trump trotz seiner Fehler durch eine Protestwahl an die Macht gebracht hat. Diese Wahl war nicht der „Klassenkampf an der Wahlurne“, den der ehemalige Amerika-Korrespondent der ARD, Ingo Zamperoni, noch gestern Abend beschrieb, den für diese Klasse steht der millionenschwere, egozentrische Megalomane nicht ansatzweise. Die deprimierende Wahrheit ist, dass Trump der Kandidat einer weißen Mehrheit ist, die ihn entweder wegen und nicht trotz seiner rassistischen und sexistischen Äußerungen und Versprechen gewählt oder zumindest mit diesen keinerlei Problem hat. Die Wahrheit ist, dass sich hinter dem allgemeinen Klagen über die ach so schlimme Kultur der Political Correctness das Empfinden alteingesessener weißer Eliten verbirgt, die ihren eigenen Einfluss angesichts des Paradigmas weltoffener Gesellschaften zu schwinden fürchten und ihren Unmut darüber in bewährter Tradition am ebenso alteingesessenen Feindbild des „Ausländers“ und des „Fremden“ auslassen. Die Wahrheit ist, dass dieses Empfinden sich immer häufiger als mehrheitsfähig erweist, angestachelt durch eine Politik, die nur allzu bereit dazu ist, Tatsachen durch Gefühle zu ersetzen. Die Wahrheit ist, dass die sogenannte westliche Welt am Rande eines neuen Abgrunds der Unmenschlichkeit steht, den sie aus sich selbst heraus gebiert. Die Wahrheit ist, dass wir alle tief in der Scheiße sitzen…

(Von Benjamin Marquart)

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