Der neue Kulturalismus? – Warum Deutschland nicht Deutschland bleiben muss

Besucht man dieser Tage die IKEA-Filiale in Sindelfingen bei Stuttgart, dann wird sich einem folgendes Bild darbieten: Auf dem Weg vom Parkplatz zum Eingang des schwedischen Möbelhauses erblickt der Besucher in nicht allzu weiter Ferne das Minarett der örtlichen Moschee. Wie in vielen deutschen Städten vergleichbarer Größe befindet sich diese im Industriegebiet und folgt der üblichen Baukastenarchitektur. Für den verängstigten deutschen Wutbürger ist dieser Anblick kulturell natürlich bereits höchst bedenklich. Aber keine Sorge, das Stuttgarter Hofbräu eilt zur Hilfe. Direkt gegenüber von IKEA hängt ein großes Werbeplakat der schwäbischen Brauerei, das zwei junge, attraktive Männer und eine noch atrraktivere junge Frau in Lederhose und mit Bier in der Hand vor dem Stuttgarter Schloss zeigt. Es handelt sich dabei um eine Werbung, die speziell auf das diesjährige Frühlingsfest auf dem Cannstatter Wasen zugeschnitten ist; ob es als Relikt des Frühjahrs noch immer hängt oder zum allgemeingültigen Marketingsinstrument umfunktioniert wurde, das ist nicht ersichtlich. Ungeachtet dessen muss ebenjenem Wutbürger bei diesem Anblick das Herz aufgehen, denn das, was dort gezeigt wird, das ist doch nicht nur typisch schwäbisch, sondern auch so richtig deutsch. Ein größeres Klischee als Lederhose und Bier könnte einem doch gar nicht einfallen. Der neue Kulturalismus? – Warum Deutschland nicht Deutschland bleiben muss weiterlesen

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Unendliche Weiten – No Man’s Sky

Videospiele haben in Deutschland in öffentlichen Debatten meistens noch immer einen schlechten Ruf. Nach dem Amoklauf in München am 22. Juli 2016 brachte Innenminister Thomas de Maizière jüngst sogar die sogenannte „Killerspiel“-Debatte zurück, die in Deutschland schon die frühen Nullerjahre unseres Jahrhunderts ergriffen hatte, damals ausgelöst durch die Amokläufe von Erfurt, Emsdetten und Winnenden. Gedacht wird bei diesem Begriff meistens an Spiele wie Counter Strike, die dann von Politikern wie De Maizière oder 2006 Günther Beckstein als repräsentativ für alle Computer- und Videospiele gesetzt werden. Das Einzige, was damit bewiesen wird, ist, dass in diesen Debatten meist ein Medium von Menschen kritisiert wird, die selbst kaum oder keinerlei Erfahrung damit haben. Denn dass Videospiele sehr viel mehr als die sicherlich fragwürdigen Gewaltdarstellungen à la Counter Strike können, das hat das Medium schon lange bewiesen und der Publisher Sony hat diesbezüglich vor kurzem noch einmal  mit der eigenen Space Odyssey namens No Man’s Sky nachgelegt. Unendliche Weiten – No Man’s Sky weiterlesen

Buchempfehlung: Fritz Stern – Das feine Schweigen

Am 18. Mai 2016 verstarb der Historiker Fritz Stern im Alter von 90 Jahren. Diesem Mann und seiner langen wissenschaftlichen Karriere einen weiteren Nachruf zu widmen ist hier weder angebracht noch vonnöten; sein Tod hat in der Presse bereits eine wahre Flut an Retrospektiven auf sein Leben ausgelöst. Deshalb erscheint es mir weitaus angemessener, einen Blick auf seine Publikationen zu werfen, um aus dieser Liste ein Werk herauszugreifen, das es sich zu lesen empfiehlt. Die meisten Geisteswissenschaftler, geschweige denn Historiker, produzieren ihre Texte im Regelfall im Wissen um die vergleichsweise geringe Halbwertszeit ihrer Forschung und ihrer Ergebnisse. Das liegt gewissermaßen in der Natur der Sache. Die große Mehrheit aller Historiker verbringt ihre Karriere in diesem Wissen um die Vergänglichkeit der eigenen Arbeit und in dem Bewusstsein, mit großer Wahrscheinlichkeit nie zu der privilegierten kleinen Gruppe ihrer Zunft zu gehören, die sogenannte Standardwerke schreibt. Bei Fritz Stern war das anders. Bücher wie seine Dissertation Kulturpessimismus als politische Gefahr. Eine Analyse nationaler Ideologie in Deutschland zählen nicht nur zu diesen Standardwerken, sondern sein zentrales Thema, das er in diesem Buch zum ersten Mal bearbeitete, hat dazu geführt, dass sein Werk an Aktualität nicht verloren, sondern eher gewonnen hat, wenn auch sicherlich auf eine andere Weise als Stern selbst es sich gewünscht hätte. Buchempfehlung: Fritz Stern – Das feine Schweigen weiterlesen

Meet Tim Sebastian…

Das Standardvorgehen hoher AfD-Funktionäre in öffentlichen Debatten war bisher stets, zuerst widerwärtige, fremdenfeindliche und/oder diskriminierende Dinge selbst öffentlich in die Welt hinauszuposaunen (oder von anderen posaunen zu lassen), um dann sofort zu behaupten, sollte tatsächlich mal kritisch nachgefragt werden, das habe man nie so gesagt und das sei ja überhaupt und sowieso mal wieder eine Falschdarstellung der bösen, bösen „Lügenpresse“. Ausgenommen von dieser Dynamik waren allerdings schon immer Hardliner wie Höcke; aus deren Fraktion wird gerne auch mal bei der Thüringer Landesregierung nachgefragt, wieviele Homosexuelle eigentlich im Land lebten. Eine spezielle Variante dieser Methode war die Reaktion der AfD auf Nachfragen bezüglich tatsächlicher Inhalte der Wahlprogramme der Partei in den Bundesländern Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt, in denen am 13.3.16 gewählt wurde. Als es schon zu spät war und die AfD ihre beschämenden Wahlerfolge eingefahren hatte, fiel es SPD-Politikern und JournalistInnen plötzlich ein, AfDler mal tatsächlich mit dem zu konfrontieren, was da so drin stand: Meet Tim Sebastian… weiterlesen

Wir verlieren immer…

Am Dienstagmorgen sind in Brüssel drei Bombenanschläge verübt worden. Am Flughafen Zaventem hatten sich gegen acht Uhr morgens in der Abflughalle zwei Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt, ungefähr eine Stunde später kam es in der Metrostation Maalbeek in der Nähe des EU-Viertels zu einer weiteren Explosion. Weit über hundert Menschen wurden bei diesen Anschlägen verletzt, teils schwer, mehr als dreißig verloren nach bisherigen Angaben ihr Leben. Zu solchen Zahlen fehlen einem eigentlich alle Worte, an einem solchen Tag bleibt letztendlich nur Traurigkeit… Wir verlieren immer… weiterlesen

Das Auftreten eines englischen Edelmanns – AfD-Wahlkampf mit Rundfunkgebühren (Kommentar zur Sendung „Maischberger“ vom 9.3.2016)

Bei Sandra Maischberger ging es am Mittwoch darum, die Ergebnisse der für Sonntag anstehenden Landtagswahlen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt zu prognostizieren und zu interpretieren – angesichts der sehr deutlichen Umfragewerte ein durchaus angemessenes Thema, auch wenn sich z. B. die Frankfurter Allgemeine über diesen Ansatz der Vorabdeutung von Wahlergebnissen ein wenig amüsiert [http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/tv-kritik/tv-kritik-maischberger-da-brat-mir-einer-eine-partei-14116083.html]. Das Problem solcher Sendungen ist vielmehr zumeist, wie vom Rezensenten Michael Hanfeld sehr zurecht bemängelt, dass sie grundsätzlich sehr schnell in reine Wahlkampf-Rhetorik abdriften. Eingeladen war eine zu erwartende Runde hoher Funktionäre der gesetzten Parteien… sowie Wolfgang Kubicki von der marginalisierten FDP und Alexander Gauland von der aufstrebenden AfD. Das Auftreten eines englischen Edelmanns – AfD-Wahlkampf mit Rundfunkgebühren (Kommentar zur Sendung „Maischberger“ vom 9.3.2016) weiterlesen